Chancen bieten, Potentiale nutzen -Anerkennung der von Migranten im Herkunftsland erworbenen Berufs- und Hochschulabschlüsse Erleichtern

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist noch nicht 24 Uhr. Schon heute herrscht in Thüringen ein deutlich spürbarer Bedarf an Fachkräften. Worüber andere Bundesländer noch in der Zukunft sprechen, ist in Thüringen bereits Realität. Dieser Fachkräftemangel lässt sich letztlich auf zwei Ursachen herunterbrechen. Zum einen ist es die positive wirtschaftliche Entwicklung, über die wir uns freuen können. Zum anderen ist der Megatrend des demographischen Wandels ursächlich für die missliche Lage vieler Unternehmen. Konnten im vergangenen Jahr noch 13 Prozent der Unternehmer offene Stelle nicht besetzen, so sind es derzeit schon 35 Prozent. Wenn wir uns dann die aktuellen Zahlen der Umfrage des Verbandes der Wirtschaft Thüringens vom 7. Januar dieses
Jahres ansehen, wird die Problematik noch deutlicher. Mit Blick auf die Altersstruktur der Mitarbeiter der befragten Unternehmen sind die 35- bis 40-Jährigen mit einem Anteil von 41 Prozent noch die größte Beschäftigungsgruppe. Etwa gleich groß ist der Anteil der unter 35-Jährigen und der über 50-Jährigen. Einzelne Betriebe sind aber bereits jetzt überaltert und haben daher einen überdurchschnittlichen Bedarf an neuen Mitarbeitern. In 17 Prozent der Unternehmen ist gut die Hälfte der Beschäftigten über 50 Jahre alt. Welche Auswirkungen der weitere Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung für die Unternehmen und damit für die Wirtschaft in Thüringen haben wird, lässt sich somit leicht an einer Hand abzählen. Es wird also deutlich, dass wir in Thüringen Vorreiter sein müssen für Lösungen, die das Anwerben und Halten von Fachkräften betrifft. Eine Lösung für eine solch komplexe Problemlage bedingt der Mitwirkung vieler Akteure. So sind nicht zuletzt die betroffenen Unternehmen selbst aufgefordert, ihr Engagement für die Ausbildung zu forcieren und eine stärkere Integration älterer Mitarbeiter in den Unternehmensalltag zu gewährleisten. Dass dies die Unternehmen erkannt haben, machen nicht zuletzt die Bemühungen der Unternehmensverbände als auch der wirtschaftlichen Akteure sichtbar. Ich habe eingangs erwähnt, dass viele Akteure aufgerufen sind, sich den Problemen mit langfristigen Lösungskonzepten zu stellen. Auch wir als politisch Handelnde müssen uns dieser Diskussion ebenfalls stellen. Da gilt es, neben bereits erwähnten Forderungen nach mehr Ausbildung und stärkerem Rückgriff auf das Know how älterer Arbeitnehmer auch zu analysieren, welche Chancen und Potenziale bisher noch nicht recht im Fokus standen. Dazu gehört unserer Meinung nach auch die Möglichkeit des Zugangs von ausländischen Arbeitnehmern unter Einbindung bereits hier lebender Migranten zu verbessern. Jetzt wird deutlich, weshalb wir auf eine schnelle Umsetzung des EQR in Deutschland drängen. Dies erleichtert Arbeitnehmern aus der EU, die Möglichkeiten der ihnen rechtlich verbrieften Arbeitnehmerfreizügigkeit besser zu nutzen und - das ist das Ziel unseres vorliegenden Antrags - wir müssen bei denjenigen die Potenziale heben, die bereits in unserem Land leben oder die Bundesrepublik als Ziel ihres beruflichen Werdegangs betrachten. Wir müssen die Arme für diejenigen öffnen, die etwas zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und in Thüringen beitragen wollen, egal aus welchem Land diese stammen. Wer heute noch glaubt, dass fachliche Kompetenz, Leistungswille und die Bereitschaft, sich einzubringen, lediglich in der Bundesrepublik anzutreffen sind, der hat die letzten Jahrzehnte wirtschaftlicher Entwicklung außerhalb der Euro-Zone völlig aus den Augen verloren. Wir müssen uns mächtig strecken, wollen wir auch in Zukunft unseren Wohlstand und sozialen Sicherungssysteme in der heutigen Qualität und Güte erhalten. Ich spreche es deshalb so deutlich an, da wir in Fragen der Anerkennung von Berufs- und Hochschulabschlüssen noch immer im 19. Jahrhundert zu leben scheinen. Die Frage der Anerkennung ist gewiss komplex und es braucht auch detaillierte Kenntnisse des Ausbildungsstands im Herkunftsland. Aber dass es Qualität auch außerhalb der nationalen und europäischen Grenzen gibt, dürfte eigentlich unbestritten sein. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir den Menschen, die bereits hier leben und denjenigen, die nach Thüringen kommen wollen, den Einstieg in eine deutsche Erwerbs- und Arbeitsbiographie so leicht wie möglich zu machen. Diesem weltweiten Kampf um die besten Köpfe müssen und sollten wir uns stellen. Daher haben wir Eckpunkte formuliert, wie ein solches Anerkennungsverfahren aussehen und organisiert werden könnte. Wichtig scheint aus unserer Sicht, dass die Qualität, die wir in Deutschland sowohl an den Hochschulen als auch in der Berufs- und Fachausbildung finden, beibehalten können, ohne per se Abschlüssen aus anderen Staaten diese Qualität grundsätzlich abzusprechen. Gerade der Hinweis auf eine Zentralstelle, an der der ausländische Arbeitnehmer Hilfe aus einer Hand erwarten kann, ist dabei aus unserer Sicht von fundamentaler Bedeutung. Zu erkennen, auf welcher Qualifizierungsstufe der Antragsteller steht, welches Wissen er sich gegebenenfalls noch aneignen muss und wie er dieses erlangen kann, sollten die Wegmarken eines funktionierenden Anerkennungssystems sein. Meine Damen und Herren, wir haben diesen Entwurf zur weiteren Diskussion aber nicht nur deshalb vorgelegt, um die Wirtschaft zu stärken und diese auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen vorzubereiten. Ein weiterer Punkt ist uns dabei entscheidend: Arbeit und der Zugang zu ihr ist ein entscheidender Integrationsfaktor. Arbeit ermöglicht den Zuwanderern, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, fördert dadurch das Selbstwertgefühl nicht nur des Berufstätigen, sondern auch dessen Familienangehörigen. Dies ermöglicht darüber hinaus soziale Kontakte und schafft Akzeptanz in der Bevölkerung. Unser Antrag ist daher ebenso als ein Beitrag zu einer verbesserten gesellschaftlichen Integrationsleistung zu werten. Insofern freue ich mich auf eine hoffentlich fruchtbare Diskussion im Ausschuss und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

13.06.2012 1851