Bildungspolitik

Das Land will die Elektrotechnikerausbildung an der SBBS nach Meiningen verlegen. Landkreis und Unternehmen machen dagegen mobil.

Sonneberg - "Unsere Region wird systematisch ausgedünnt", sagt André Müller. Der Geschäftsführer der Elektro e. G. Sonneberg ist zornig, denn künftig müssen die Lehrlinge des Unternehmens in die Berufsschule nach Meiningen. In einer Zeit, in der die Unternehmen alleine wegen geringer Schülerzahlen über jeden Lehrling glücklich seien, würde man den Betrieben zusätzliche Probleme bereiten. "Im Landesinneren würde das alles funktionieren, aber doch nicht im grenznahen Raum", sagt Müller. Da konkurriere man ohnehin mit oberfränkischen Unternehmen, die höhere Lehrlingsentgelte bezahlen. Falle nun das Argument einer wohnortnahen Berufsschule weg, dann würden sich die Lehrlinge gleich für den Wechsel zu Unternehmen in der bayerischen Nachbarschaft entscheiden, denn zur Coburger Berufsschule seien es nur 20 Kilometer. Im Rahmen der Novellierung des Thüringer Berufsschulnetzes, in dem Schulstandorte und deren Einzugsbereiche definiert und festlegt werden, solle bestimmten Berufsschulstandorten, unter anderem der SBBS, langjährig etablierte Berufsbereiche entzogen und an anderen Standorten angesiedelt werden. Für Sonneberg heißt dies konkret, dass die komplette Ausbildungsrichtung der Elektrotechnik im dualen Bereich wegfallen wird und die Schüler künftig nach Meiningen müssen. Ebenfalls wegfallen sollen die Landesfachklassen für Feinwerkmechaniker, die nach dem Konzept des Kultusministeriums künftig in Zella-Mehlis zur Berufsschule gehen sollen. Das Problem brennt Unternehmern und Kommunalpolitikern unter den sprichwörtlichen Nägeln. "Die Auswirkungen für die Region sind gelinde gesagt eine Katastrophe", erklärte gestern Landrätin Christine Zitzmann (CDU). Die Kommunalpolitikerin hatte gemeinsam mit der Wirtschaftsvertretern in die Aula der Staatlichen Berufsbilden Schule Sonneberg (SBBS) zur Pressekonferenz eingeladen. Offizielle Begründung sind zu niedrige Schülerzahlen und eine - aus Sicht des Ministeriums - schlechten Verkehrsanbindung. Die Argumente wollte jedoch Schulleiter Jürgen Frieß nicht gelten lassen. "Ich bin nicht gegen die Schulnetzplanung des Landes, aber ich bin für eine gerechte Verteilung, denn von einem Geben und Nehmen kann schon lange keine Rede mehr sein", sagte Frieß. Die Schülerzahlen seien stabil und dass man in der Elektronikerklasse des 1. Lehrjahrs derzeit zwölf Schüler und die Meininger Schule genau einen mehr habe, liege daran, dass sich ein Schüler aus der Beschulung in Sonneberg heraus- und nach Meiningen eingeklagt habe. Ebenso wenig sinnvoll sei, die Verkehrsanbindung Sonnebergs zu kritisieren. "Willman nur noch Berufsschulen an der Autobahn?", fragte Frieß. Für die SBBS zieht der Wegfall des Pflichtunterrichts im System der dualen Ausbildung in einzelnen Fächern aber auch noch andere Probleme nach sich. Der Pflichtunterricht, so Frieß, sei die Grundlage für die Zuweisung von Lehrern.

An der SBBS würden die Fachlehrer aber nicht nur die Lehrlingsklassen unterrichten, sondern auch die Techniker an der Fachschule. Damit wäre auch der weiterführende Unterricht gefährdet. Gegen die Planungen des Landes hatte der Landkreis interveniert. "Der zweite Schulnetzentwurf hat keine Annäherung und auch keine Kompromissbereitschaft für den Landkreis erfahren", sagte Landrätin Zitzmann. Auf ihre Anfrage an Kultusminister Christoph Matschie (SPD) vom15. März liege noch keine Antwort vor, allerdings stehe noch ein Gespräch im Ministerium aus. Unverständlich sei für sie die Argumentation mit den Schülerzahlen, die man widerlegen könne. Aber auch die Prüfungsergebnisse, die in Sonneberg über dem Landesdurchschnitt lägen, sprächen eher für die SBBS. "Wir müssen die Abwanderung von Fachleuten stoppen und die abgewanderten Fachleute zurückgewinnen", sagte Günther Höfler von der Elektro-Innung. Neue Fachkräfte zu gewinnen gelinge aber, wenn die Pläne des Landes umgesetzt würden, garantiert nicht. "Die Entscheidung der Lehrlinge wird zugunsten von Coburg fallen", schätzte Joachim Löffler vom Förderverein der SBBS ein. Bereits jetzt stünden viele Unternehmen in einer harten Konkurrenz zu Oberfranken. Zu befürchten sei, dass die Industriestandorte mit erheblichen Nachteilen rechnen müssen. Die großen, global aufgestellten Unternehmen würden künftige Investitionen in Frage stellen, gab Löffler zu bedenken. "Was in Erfurt passiert, ist Ignoranz", erklärt Rudolf Nieswand vom Glaswerk Ernstthal. Die Industrie der Region dürfe eine solche Entscheidung nicht akzeptieren. "Ich kann doch keine Schulnetzplanung vom Schreibtisch in Erfurt aus machen", pflichtet Ulrich Beck der Kritik am Konzept des Landes bei. Der Geschäftsführer des Sonneberger Ausbildungszentrums (SAZ) machte indessen auch Widersprüche in den Planungen des Landes aus. Erst im vergangenen Jahr habe das SAZ erhebliche Fördermittel für die überbetriebliche Ausbildung erhalten, die wiederum auf die Kooperation mit der SBBS setze. Nicht zu vergessen sei, dass der Landkreis in die Fachkabinette sehr viel Geld investiert
habe. "Wir haben gewachsene Strukturen, die wir erhalten müssen", betont IHK-Vizepräsidentin Sabine Diez. Dies müsse man in Erfurt zur Kenntnis nehmen. Zur Kenntnis hat dies derzeit auch die Landtagsopposition genommen. FDP- Landtagsmitglied Marian Koppe war als einziger Landespolitiker zur Pressekonferenz gekommen. "Wenn ich ein junger Mensch wäre, ich ginge nach Coburg", argumentiert der Liberale. Für ihn sei das Konzept des Kultusministeriums schlichtweg Ignoranz gegenüber funktionierenden Strukturen. Die beiden Landtagsabgeordneter Regierungskoalitionen aus der Region, die gestern Termine in Erfurt wahrnahmen, stellen sich indessen hinter den Landkreis und kritisieren das Konzept von Kultusminister Matschie. "Der vorgelegte Entwurf ist für die SBBS eine Katastrophe", sagt David Eckardt (SPD) auf Nachfrage von Freies Wort . Er sei damit in keiner Weise einverstanden. Allerdings gebe es noch ausführliche Gespräche. Beate Meißner (CDU), die einräumte nicht Mitglied im Bildungsausschuss zu sein, versprach sich für einen Verbleib der strittigen Ausbildungsfächer in Sonneberg einzusetzen. Sie hoffe, dass man den Minister noch überzeugen könne. "Die Argumente dafür haben wir ja", so Meißner. ts


30.03.2011 Freies Wort